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Jute-Spinnerei und Weberei
Anker Walle

Eine Fabrik im Bremer Westen prägt

Ein Bahndamm verläuft heute entlang der Nordstraße, ein Damm, auf dem einmal die Hafenbahn fahren sollte. Diese Planung aus der Nachkriegszeit wurde in den 60er Jahren umgesetzt, aber nie vollendet. Die Entwicklung in den Häfen nach der Einführung des Containerverkehrs 1966 ging deutlich und schnell in Richtung Neustädter Häfen und darüber hinaus nach Bremerhaven. Keine Gleise wurden verlegt, und so hat auch nie ein Zug diesen Bahndamm befahren, der jedes Jahr zu Ostern wieder von sich reden macht, wenn die Narzissen der sogenannten "Waller Welle" blühen. Hinter diesem "Wall" verläuft die Hafenstraße vom Hansator zum ehemaligen Überseehafen. Zwischen Hafenstraße und Europahafen stehen die Lagerschuppen der Bremer Speicher GmbH und die Tabakbörse. Ein Blick auf einen Stadtplan aus der Vorkriegszeit zeigt, daß es auf diesem Areal nicht immer so ausgesehen hat. Eine Fabrik mit dazugehörigen Arbeiterwohnhäusern prägte vor allem das Bild zwischen Hanse- und Heimatstraße: die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen. Für die Gründung dieser Fabrik, die im Volksmund nur die "Jute" genannt wurde, war eine Reihe von historischen und politischen Entscheidungen notwendig, ohne die es keine Jute-Spinnerei in Bremen gegeben hätte.

Die Vorgeschichte

Ursachen für die Gründung einer Jute-Fabrik
Die Korrektion der Unterweser, wegen der Versandung des Stroms, wurde um 1880 herum in Bremen kontrovers diskutiert. Der Wasserbauingenieur Ludwig Franzius, 1875 von Berlin nach Bremen als Oberbaudirektor berufen, legte Pläne vor, die Bremen wieder zur Seehafenstadt machen sollten. Diese hatten zum Ziel, daß Bremen durch die Unterweser-Korrektion wieder von Seeschiffen mit fünf Meter Tiefgang erreicht werden konnte und daß für diese Schiffe ein entsprechender Hafen geschaffen werden sollte. Unterstützt wurde Franzius von dem Bremer Kaufmann und Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, Christoph Hellwig Papendieck, einem vorausschauenden Mann, der auch später noch eine führende Rolle bei der Entwicklung des Bremer Westens innehatte (1).

Ein weiterer "Zankapfel", hauptsächlich zwischen Überseekaufleuten und Investoren, die aufgrund der rasanten Entwicklung der maschinellen Fertigung Industriebetriebe gründen wollten und dies wegen der Zollschranken nur außerhalb der bremischen Grenzen konnten, war der Anschluß Bremens an das Zollgebiet des Deutschen Reiches. So waren 1883 und 1884 zwei große Industriebetriebe zwar mit Bremer Kapital und von Bremer Kaufleuten, aber außerhalb der Stadtgrenzen gegründet worden. In Delmenhorst war dies die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei, kurz "Nordwolle" genannt. In Blumenthal kam die Bremer Wollkämmerei dazu (2), wo einer der Gründer der Bremer Kaufmann Joseph Johannes Arnold Hachez war. Da der Bedarf an geeigneten und vor allem billigen Arbeitskräften in Bremen und dem Umland nicht zu decken war, wurden Arbeiterinnen und Arbeiter aus Böhmen, Schlesien und der Provinz Posen angeworben (3).

In Bremen hatte sich zwischenzeitlich die Fraktion um Franzius und Papendieck durchgesetzt (4). Unterweser-Korrektion, Hafenbau und Zollanschluß waren 1885 beschlossene Sache, und die Kaufleute und Unternehmer, die bereit waren zu investieren, hatten nun "Planungssicherheit" und konnten sich überlegen, wie sie ihr Geld anlegen wollten. Gleichzeitig war auch Bremen daran interessiert, einen Teil der großen Investitionen für die Korrektion und den Hafenbau – 30 Millionen Goldmark – durch die Ansiedlung hafennaher Industrie mit großem Warenverkehr wieder hereinzuholen.

Als gewinnbringende Investition erschien einigen Bremer Kaufleuten und Bankiers die Gründung einer Jute-Spinnerei, denn zwei dieser Fabriken gab es schon (aus den obenerwähnten Gründen) im Bremer Umland, und zwar in Hemelingen an der Diedrich-Wilkens-Straße seit 1873 (5) und in Delmenhorst seit 1871. Da schien es günstig, unter Ausnutzung der günstigen hafennahen Transportwege, eine solche Fabrik direkt am Freihafen I zu errichten. Unterstützt wurde dieses Vorhaben durch den immer stärker steigenden Bedarf nach Verpackungsgeweben wie zum Beispiel Säcken, die aus der in Indien angebauten Bastfaser Jute, einer schilfähnlichen Pflanze, hergestellt werden konnten. Der Rohstoff Jute konnte zur damaligen Zeit zu relativ günstigen Preisen in ausreichenden Mengen importiert werden (6).

Die Gründungsphase ...

Jute-Spinnerei und Weberei Bremen Gelände
Das Jute-Gelände zwischen Nordstraße und Hafengebiet. Wo heute ein aufgeschütteter Damm an der Nordstraße den Blick auf die dahinterliegenden Speicher versperrt, pulsierte bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges das Leben: Die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen und das Jute-Viertel, damals auch "Klein Galizien" genannt.

... der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen
Der Fachmann für die Juteverarbeitung war Albert Theodor Haasemann, Sohn eines Spinnereibesitzers aus Hildesheim. Nach seinem Ingenieurstudium ergänzte er seine praktische Ausbildung in englischen und schottischen Textilfabriken und wurde 1875 im Alter von 25 Jahren Direktor der Bremer Jute-Spinnerei und Weberei im damals noch preußischen Hemelingen bei Bremen. Er gab zusammen mit dem Bremer Bankier Bernhard Loose die ersten Anregungen für die Gründung der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen in Walle.
Bernhard Loose war Seniorchef des Bankhauses Bernhd. Loose & Co. und Mitglied der Bremischen Bürgerschaft (7).

Maßgeblich an der Gründung beteiligt waren auch der schon erwähnte Kaufmann Christoph Hellwig Papendieck und Konsul Johann Smidt, Enkel des gleichnamigen legendären Bremer Bürgermeisters. Papendieck erhielt seine kaufmännische Ausbildung im Tabakgeschäft der Firma Holler & Grote, wurde dort Teilhaber und übernahm später die Firma. Er entwickelte sich schnell zum Führer der Bremer Kaufmannschaft und war bereits ab 1868 Mitglied der Bürgerschaft, seit 1875 gehörte er der Handelskammer an. In diesen Eigenschaften war er Förderer von Zollanschluß, Unterweserkorrektion und Hafenbau. Sein Verdienst war es, die Öffentlichkeit für das Franzius-Projekt gewonnen zu haben. Später stand er unter anderem an der Spitze der neugegründeten "Deutschen Dampfschifffahrtsgesellschaft Hansa" (8).

Johann Smidt hatte einen ähnlichen Werdegang zu verzeichnen wie Papen-dieck, auch er war Kaufmann, gründete in Kalkutta mit Johannes Schröder die Firma Schröder, Smidt & Co., Im- und Export, und ließ sich 1873 wieder in Bremen nieder. Ins öffentliche Leben trat er ebenso, als Zollanschluß, Korrektion und Hafenbau bevorstanden. Auch er war gewähltes Mitglied der Handelskammer und Mitglied der Bürgerschaft und gehörte dem Aufsichtsrat des Norddeutschen Lloyds an (9).

Diese beiden tatkräftigen und vorausschauenden Kaufleute Papendieck und Smidt übernahmen nun die Aufgabe, ein geeignetes Grundstück für die zu errichtende Fabrik zu besorgen. Es gelang ihnen, das 75 000 Quadratmeter große mit der Flurbezeichnung "Syndikushof" oder nach seinem Besitzer "Jakobshof" genannte Grundstück zu erwerben. Dieses lag zwischen der zu der Zeit noch nicht verlängerten Nordstraße und dem Gröpelinger Deich und grenzte im Westen an ein Grundstück des "Gemeinnützigen Bremer Bauvereins". 40 000 Quadratmeter von der Gesamtfläche waren für die Fabrikanlagen vorgesehen. Das übrige Terrain wurde so aufgeteilt, daß mehrere Straßen zur Errichtung von Arbeiterwohnhäusern angelegt werden konnten (10).

Der Grundstückserwerb fiel auf den Gründungstag der Gesellschaft, den 20. März 1888. Bankier Loose hatte es verstanden, die Eigentümer namhafter Bremer Firmen als Anteilseigner zu gewinnen, so daß das Aktienkapital von 1,5 Millionen Mark binnen weniger Stunden voll gezeichnet wurde. Gustav Lahusen wurde erster Aufsichtsratsvorsitzender der neuen Aktiengesellschaft. Er war ein Jahr zuvor aus dem Vorstand der Delmenhorster "Nordwolle" ausgeschieden, um den Landbesitz der Familie in Südamerika zu übernehmen (11). Weiterhin gehörten dem ersten Aufsichtsrat auch Johannes Christoph Achelis, Besitzer der Tabakgroßhandlung Johann Achelis und Bremer Senator (12), sowie Eduard Wätjen, Besitzer des Bankhauses Herm. Wätjen, Domshof 10, an. Außerdem waren die Firmen D. H. Wätjen & Co., Reederei und Überseehandlung, die zeitweise Europas größte Segelschiffreederei war (13), sowie Theodor Lürmann und Konsul Julius Brabant beteiligt.

Julius Brabant (* 1825) hatte zu der Zeit schon ein abenteuerliches Leben hinter sich: Seine Vorfahren, im Textilgewerbe tätig, kamen ursprünglich aus dem Gebiet an der französisch-belgischen Grenze und ließ sich in Neuenkirchen bei Vechta nieder. Brabant wurde Seemann und Goldgräber in den USA, dann Geschäftsmann in Australien. Auf dem "Fünften Kontinent" vertrat er Bremen als Konsul. 1866 ließ er sich in Bremen nieder, wo er später eine "Cigarettenfabrik" besaß und sich an mehreren Firmengründungen –  unter anderem 1876 an der Bremer Pferdebahn AG – beteiligte (14).

Kurz vor der Gründung der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen gründeten Christoph Hellwig Papendieck und Konsul Johann Smidt Ende 1887 den "Gemeinnützigen Bremer Bauverein", der das schon erwähnte Grundstück auf dem Waller Wied westlich des Jute-Geländes erwarb, um dort in unmittelbarer Nähe des Hafens und der "Jute" Arbeiterwohnhäuser zu errichten, denn die Wohnungsnot war groß in diesen Tagen, unter anderem weil durch die Anlage des Hafens auch Straßen dorthin gebaut werden mußten und dafür bestehende Häuser abgerissen wurden (15). Nachdem der Senat den Bau der ersten beiden Straßen, nämlich der Heimatstraße und der Eintrachtstraße, genehmigt hatte, wurde zügig gebaut, so daß Ende 1888 die ersten Häuser in der Heimatstraße bezogen werden konnten. Bis 1893 folgten auf dem Areal noch die Bogenstraße, Friedenstraße, die Wiedstraße und die Pfeilstraße (16). Für die Arbeitnehmer der Jute-Spinnerei allerdings, das stellte sich schnell heraus, war das Wohnen in diesen Häusern zunächst unerschwinglich.

In der Zeit, als noch die Verhandlungen in Sachen Jute-Gründung im Gange waren, plante Albert Haasemann schon das neu zu errichtende Werk. Deshalb konnte sofort nach Gründung der Gesellschaft mit dem Bau der Fabrikgebäude und der Maschinenbestellung begonnen werden. Die Zeit drängte, denn der Zollanschluß Bremens war auf den 15. Oktober 1888 terminiert worden. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten, das hatten die Eigentümer der neuen Fabrik wohl bedacht, die Maschinen, die fast ausnahmslos aus dem Ausland kamen, noch zollfrei eingeführt werden. Dieses Vorhaben gelang und sparte dem jungen Unternehmen immerhin 50 000 Mark Zollgebühren. Die tiefe Lage des Geländes gegenüber dem Freibezirk machte eine Aufschüttung um zwei Meter erforderlich. Hierzu wurde der Aushub aus dem Hafenbecken des Freihafens I, des heutigen Europahafens – der am 21. Oktober 1888 prunkvoll eingeweiht wurde (17) – , verwendet, den der Bremer Staat "in liberalster Weise", was wohl hieß kostenlos, zur Verfügung stellte.

Die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen nahm ihren Betrieb nach "einer Rekordleistung im Fabrikbau" am 12. Oktober 1888 mit Spinnmaschinen mit einer Anzahl von zirka 4500 Feinspindeln sowie 240 Webstühlen auf. Einen Teil der Arbeitskräfte hatte der neue Direktor Albert Haasemann aus Hemelingen mitgebracht. Im Verlauf der Jahre 1889/1890 erhöhte sich die Anzahl der Feinspindeln auf ungefähr 6700, die der Webstühle auf 320. Die Zahl der Beschäftigten betrug ungefähr 1100. Der Betrieb expandierte stark in den nächsten Jahren, und schon 1896 hatte sich die Zahl der Beschäftigten sowie die Anzahl der Spindeln und der Webstühle fast verdoppelt (18).

Produktion und Arbeitsabläufe in der Fabrik

Auf einem Eisenbahngleis, das direkt vom Freihafen auf das Werksgelände der "Jute" führte, wurde die Rohjute in die Lagerhallen transportiert. In zwei Kesselhäusern wurde in zehn Kesseln der Dampf für die bis zu 1700 PS starken Dampfmaschinen erzeugt, die die Maschinen in der Spinnerei und Weberei antrieben. Die Verarbeitung der Rohjute begann in der sogenannten Batscherei, von den Jute-Beschäftigten nur "Batsche" genannt, wo die Rohjute spinnfähig gemacht wurde. Mit Tran, Mineralöl und Wasser wurde der Rohstoff eingeweicht und in Quetschmaschinen, "Softeners" genannt, weich und geschmeidig gemacht. Daran schloß sich die Karderei an, wo ein vielschichtiges Verfahren stattfand, um die Rohfasern zu Bändern zu verarbeiten. Tropische Temperaturen mit hoher Luftfeuchtigkeit sowie die hohe Staubbelastung der Luft machte hier den Beschäftigen schwer zu schaffen, deshalb konnten sie sich kostenlos mit Lakritzwasser versorgen, um ihren körpereigenen Wasserverlust auszugleichen (19).

Nächste Station im Arbeitsablauf waren in der Spinnerei die Vorspinnma-schinen, wo das Band nochmals gestreckt und zugleich zusammengedreht wurde, um die für das Feinspinnen benötigte Festigkeit zu sichern. Beim Feinspinnen erhielt das Garn die nötige Feinheit und Festigkeit und wurde auf Holzspulen gewickelt. 13 000 Tonnen Garn wurden so jährlich verarbeitet. In der Spulerei wurde das Garn in Bündelform gebracht und weiterverkauft oder zur Weiterverarbeitung in der eigenen Weberei aufbereitet. Gut ein Drittel des in der Spinnerei erzeugten Garnes wurde an Webereien oder andere Fabriken wie Seilereien oder Teppichhersteller verkauft, zirka zwei Drittel wurden im eigenen Betrieb weiterverarbeitet.

Antriebsriemen und Schwungräder bestimmen das Innere des Werks
In der der Weberei vorgelagerten Schlichterei wurden die Garne schlichter, das heißt glatter gemacht, damit sie die Webstühle leichter ohne Fadenbruch passieren konnten. "Ohrenbetäubender Lärm", der sogar für die Anwohner der benachbarten Heimatstraße unerträglich war und zu einer Klage bei der örtlichen Polizeidirektion führte, herrschte in der Weberei, wo im Jahre 1896 624 Webstühle bis 2,20 m Webbreite täglich 72 000 lfd. Meter Gewebe produzierten und zu verschiedenartigen Stoffen von Körperleinen bis Linoleumleinen verarbeiteten. In der Abteilung Appretur fand anschließend ein Arbeitsprozeß statt, den jede Hausfrau vom Bügeln ihrer Wäsche kennt: Plätten und Legen, Rollen oder Duplieren der Stoffe. Im benachbarten Versandlager konnten die fertigen Produkte dann, wieder per Eisenbahn, auf die Reise zu den Kunden gebracht werden, sofern sie nicht in der firmeneigenen Sacknäherei weiterverarbeitet wurden. Ungefähr 10 Millionen Säcke wurden bei der Jute-Spinnerei und Weberei jährlich hergestellt (20).

Herkunft der bei der Jute beschäftigten Arbeitnehmer

In Bremen und im Bremer Umland waren die benötigten Arbeiterinnen und Arbeiter für die Bremer "Jute" nicht zu rekrutieren, was allerdings auch für die anderen Betriebe der Textilindustrie um Bremen herum Geltung hatte. Zum einen war das Lohnniveau in Bremen relativ hoch, dagegen waren die Textilbetriebe aufgrund des Wettbewerbs mit ausländischer, vor allem der englischen Konkurrenz, auf billige Arbeitskräfte angewiesen. Ein zweiter Grund war die Abneigung der Einheimischen gegen die Textilarbeit und die nicht vorhandene Qualifikation, diese Tätigkeit auszuüben. So begründete die Direktion der Bremer Jute ihre Vorliebe für überwiegend ausländische Arbeitskräfte damit, daß die "hiesige, ortsansässige Bevölkerung das Weben fast nie erlerne" (21).

Das thüringische Eichsfeld war traditionelles Flachsanbaugebiet mit dem dazugehörigen verarbeitenden Handwerk. Mit Aufkommen der maschinellen Fertigung in England wurde den dortigen Betrieben der Boden entzogen. Die Folge war, daß aus dem Eichsfeld "Preußens Armenhaus" wurde und im Gebiet zwischen Duderstadt, Heiligenstadt und Mühlhausen/Thüringen die Men-schen auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen abwanderten. Etliche von ihnen kamen Ende des 19. Jahrhunderts nach Bremen, wo sie aber nicht zum überwiegenden Teil bei der Jute-Spinnerei und Weberei arbeiteten, sondern auch im Baugewerbe und in der Holzindustrie Arbeit fanden.

Das zweite Abwanderungsgebiet beziehungsweise Abwerbegebiet für die Jute-Industrie in Bremen, Delmenhorst und Hemelingen war Böhmen. So nutzte die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen einen Streik der Heimweber gegen die Textilfabrik in Rothwasser, der viele Familien in Linsdorf und anderen Orten im Kreis Grulich in Ost-Böhmen um ihre Existenz brachte, und warb dort gezielt die günstigen Arbeitskräfte an. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dann entlang der Stillen Adler die Nachricht, daß es in Bremen Arbeit gab, und ganze Familien machten sich auf den Weg nach Norden.

Die dritte und später größte ethnische Gruppe der Zuwanderer, die "auf der Jute" Arbeit suchten, waren die Polen. Wobei sich das nur auf die Volkszugehörigkeit bezog, denn einen Staat Polen gab es damals nicht, er war aufgeteilt zwischen Preußen, Rußland und Österreich. Und so kamen – etwas später als die vorgenannten Gruppen – Polen aus Oberschlesien, Westpreußen und der Provinz Posen, die sogenannten Inlandspolen. Aus Kongreß-Polen kamen russische Polen, und die aus Galizien Kommenden waren Angehörige der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie (22).

Die Eintragungen im Kirchenbuch St. Mariens aus dieser Zeit zeigen, daß die Inlandspolen größtenteils aus dem Kreis Adelnau im südöstlichen Zipfel der Provinz Posen stammten (23). In dieser Region, vor allem in Ostrowo, war traditionell Tuchherstellung angesiedelt, die sich zu jener Zeit allerdings auch im Niedergang befand. Von der anderen Seite der Grenze, aus dem Gebiet um Kalisch in Russisch-Polen, wanderten die Menschen ebenso wie aus Galizien verstärkt nach Bremen ab. Die Zuwanderung aus Russisch-Polen erreichte ungefähr 1910 ihren Höhepunkt, aber schon im Jahre 1901 sah sich die Bremer Presse veranlaßt, der Jute-Spinnerei vorzuwerfen, bei ihr seien so gut wie keine deutschen Arbeiter zu finden (24).

Soziale Bedingungen und Wohnverhältnisse der Jute-Abeitnehmer

Syndikushof
Arbeiterwohnungen an der Straße "Am Syndikushof" Eine der Sozialeinrichtungen der Jute-Spinnerei: Die Arbeiterwohnhäuser, in deren Wohnungen die Werksangehörigen zu verbilligten Mieten wohnen konnten. Hier ien Aufnahme aus der Straße "Am Syndikushof"
Kinderheim
Kinder aus dem Kinder- und Säuglingsheim der Jute um 1910. Kinder aus dem Kinder- und Säuglingsheim der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen posieren für den Fotografen vor dem architektonisch bemerkenswerten Produktionsgebäuden der Fabrik. Die Aufnahme entstand um 1910.

Viel Arbeit - wenig Lohn, so könnte kurzgefaßt die soziale Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Jute Bremen beschrieben werden. Die vom Textilarbeiterverband immer wieder beklagten niedrigen Löhne in der Jute-Industrie im Vergleich zu anderen Branchen in Bremen wurden auch von der Leitung der Jute-Spinnerei nicht bestritten, sie verwies dabei allerdings immer wieder auf ihre Konkurrenzsituation im Weltmarkt. Die Direktion nahm schon die Diskrepanz zwischen den auf der Jute gezahlten Löhnen im Vergleich zu den Zahlungen in anderen Branchen wahr und beklagt die durch das ansonsten höhere Bremer Lohnniveau auch relativ höheren Lebenshaltungskosten in der Hansestadt. "Dem so entstehenden Mißverhältnis", heißt es in der Broschüre zum 25jährigen Bestehen der Jute, sucht die Fabrik nach Kräften zu begegnen durch

  • gute und billige Wohnungen,
  • einen Unterstützungsfonds,
  • ein Säuglings- und Kleinkinderheim mit angeschlossenem Knabenheim und Mädchenhort,
  • Verabfolgung billiger Konsumartikel,
  • Hauskrankenpflege, welche den erkrankten Arbeitern durch von der Jute ange stellten Schwestern zuteil wird,
  • freie ärztliche Behandlung erkrankter Familienmitglieder von Arbeitern der Jute-Spinnerei.

Einen Betrag von insgesamt 2 025 000 Mark für "Arbeiterwohlfahrtsein-richtungen" bilanziert die Geschäftsleitung der Jute im Jahre 1913, wobei der größte Posten mit 825 000 Mark für die Arbeiterwohnungen ausgegeben wurde (25). Mietshäuser für ihre Betriebsangehörigen baute die Jute direkt dem Werk gegenüber in der Fabrikstraße sowie in der parallel verlaufenden Wormser Straße und in einem zweiten Bauabschnitt in der Straße Am Syndikushof sowie in der Gerhard-Rohlfs-Straße und in der Gutenbergstraße. Die Mieten in diesen Häusern lagen vergleichsweise wesentlich unter denen anderer Mietwohnungen in dieser Gegend.
Für Schlagzeilen sorgte zur damaligen Zeit die starke Überbelegung dieser Werkswohnungen durch sogenannte "Aftermieter", meist ledige Landsleute der polnischen Mieter. In heutigen Untersuchungen dazu wird immer wieder auf die (sicherlich vorhandene) finanzielle Notlage der Jute-Arbeiter hingewiesen, die dieses Untervermieten nötig machte (26). Doch wurde dabei immer wieder ein Aspekt übersehen: Viele Jute-Arbeiter hatten nicht vor, für immer in Bremen zu bleiben, und versuchten in der Zeit, in der sie hier tätig waren, mit so wenig wie möglich Unkosten über die Runden zu kommen, um dann in ihrer Heimat mit dem ersparten Geld eventuell einen kleinen Hof zu erwerben. Dafür nahmen sie auch starke Einschränkungen ihrer Lebensumstände in Kauf (27).

Da in vielen Jute-Familien auch die Ehefrauen und Mütter gezwungen waren, zum Lebensunterhalt beizutragen, und weil die Spinnerei auf die geschickten Hände der Frauen angewiesen war – der Anteil der Frauen an den Arbeitnehmern der Fabrik betrug zwischen 65 und 70 Prozent – , stellte sich die Frage nach der Unterbringung der Kinder. Um dieses Problem zu lösen, entstand von 1905 bis 1907 das nach neuesten Gesichtspunkten gebaute vorbildliche Säuglings- und Kinderheim. Dorthin brachten die Mütter morgens vor Schichtbeginn ihre Säuglinge und Kleinkinder. Die schulpflichtigen Kinder wurden nach Unterrichtsschluß in diesem Heim betreut. "Komm, Matka, die Jute pfeift", war ein Ausspruch, der frühmorgens im Jute-Viertel oft zu hören war, wenn die Frauen auf dem Wege zur Arbeit ihren Nachwuchs ins an der Nordstraße nahe der Heimatstraße gelegene Kinderheim brachten (28).

Dieses Kinderheim, das für die Aufnahme von zirka 250 Kindern konzipiert war, wurde im Jahre 1912 von annähernd 450 Kindern besucht. Da dies nicht ausreichte, leistete auch die katholische St.-Marien-Gemeinde, deren 1898 am Steffensweg errichtete Kirche zentraler Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Lebens der Zuwanderer wurde, ein beträchtliches Stück Sozialarbeit für die Jute-Angehörigen und damit auch für die Fabrik. Die Kirche mit ihren sozialen Einrichtungen, die Marienschule und das Waisenhaus in der St.-Magnus-Straße waren letztendlich eine Reaktion der Bremer Katholiken auf die Gründung der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen und die dadurch verursachte Zuwanderung von deren – meist katholischen – Arbeitnehmern. Richard Möller, über drei Jahrzehnte Seelsorger in der St.-Marien-Gemeinde, sagte dazu: "Ohne die ,Jute' hätte es St. Marien an dieser Stelle und in dieser Form nicht gegeben (29)."

Vor allem der Kindergarten der Gemeinde und die 1899 gegründete Mari-enschule mit einem späteren Anteil von 37 Prozent fremdsprachlichen Schülern trugen einen erheblichen Teil der Soziallasten mit. So verwundert es nicht, daß 1907 der Kirchenvorstand der Katholischen Gemeinde an die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen herantrat und um Unterstützung für die Marienschule bat. 1908 überwies die "Jute" der Lehranstalt dann 1000 Mark (30).

Die Struktur des Gebietes zwischen Kirchturm und Fabrikschornsteinen wurde natürlich stark von der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen und ihren Arbeitnehmern geprägt. So wurde das Viertel zwischen Fabrik und St.-Marien-Kirche mit Schwerpunkt Fabrikstraße und Am Syndikushof nur als Jute-Viertel und im Volksmund als Klein Galizien bezeichnet (31). Das Erscheinungsbild der Zuwanderer, bei den Frauen ganz deutlich durch das Tragen von Kopftüchern dokumentiert, verstärkte die Besonderheit dieses Quartiers. Für viele Nachbarn der angrenzenden Straßen und Wohnviertel waren die Arbeiterinnen und Arbeiter der Spinnerei zum Beispiel wegen ihrer Herkunft oder des geringen Einkommens das "Jute-Proletariat". Man hatte das Bestreben, zu diesen Mitbürgern Abstand zu halten. In Erinnerung blieb allerdings auch die gute Zahlungsmoral der Jute-Beschäftigten, die oft im Gegensatz zu anderen Arbeitnehmerhaushalten aus der Umgebung weniger "anschreiben ließen" und ihre Einkäufe sofort bar bezahlten.

Wie haben die in der "Jute" beschäftigten Arbeiterinnen und Arbeiter ihre soziale Situation gesehen, fühlten sie sich ausgebeutet, wie es aufgrund späterer Publikationen aus heutiger Sicht angedeutet wurde? Einige Veranstaltungen der Bremer Volkshoch-schule befaßten sich in der Kulturinitiative "Brodelpott" unter anderem auch mit dieser Thematik und brachten Erstaunliches zutage. Selbst unter dem Gesichtspunkt, daß in der Erinnerung manche Dinge verklärt werden, waren die Aussagen der ehemaligen Jute-Arbeiterin-nen und -Arbeiter bemerkenswert, denn übereinstimmender Tenor vieler Aussagen war, daß sie sich trotz der schweren Arbeit unter schwierigen Bedingungen gerne an ihre Zeit "auf der Jute" erinnerten und vor allem die sozialen Einrichtungen der Fabrik zu schätzen wußten.

"Kann man nich' sagen, daß wir ausgebeutet worden sind", das war die Meinung eines Ehemaligen "auf der Jute", und eine Kollegin von ihm ergänzte: "Als mein Bruder geboren wurde, da bekamen meine Eltern die Babyausstattung ganz und gar umsonst." Frau Schulmeister, Jahrgang 1907 und in der Brabantstraße zu Hause: "Ich mochte da gerne arbeiten." Eindruck hinterließ vor allem auch die kostenlose Betreuung und Verpflegung im Kinderheim sowie die leutselige Art von Direktor Albert Haasemann, der morgens oft mit der Straßenbahnlinie 3 zur Arbeit kam (32).

Auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Arbeitsleben gab es für die Rentnerinnen und Rentner noch Kontakt zur Jute. Für Agnes König, von 1914 bis 1944 in der Fabrik beschäftigt und für die Bedienung von zwei Webstühlen entlohnt wie ihre männlichen Kollegen, war es alle fünf Jahre immer ein Höhepunkt ihrer Geburtstagsfeiern, wenn Kratki kam. Johann Kratki, ehemaliger Werkmeister in der Jute-Spinnerei, brachte den Betriebsrentnern im Auftrag der Firmenleitung zu den runden und halbrunden Geburtstagen einen Präsentkorb (33). Das war für Menschen, die in ihrem Leben kaum etwas geschenkt bekommen hatten, sicher etwas Besonderes.

Die Entwicklung der Jute-Spinnerei bis zur Schließung 1996

Jute-Spinnerei und Weberei Bremen Agnes König
Agnes König zwischen den beiden von ihr bedienten Webstühlen. Agnes König hat drei Jahrzehnte lang als Weberin "auf der Jute" gearbeitet, bis die Fabrik in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944 bei dem Großangriff auf den Bremer Westen zerstört wurde und die Produktion in Bremen einstellen mußte. Das Foto zeigt sie zwischen den beiden Webstühlen, die sie bedient hat.

Im Jahre 1913 erreichte der Personalstand der Fabrik mit 2150 Mitarbeitern den Höhepunkt. Dementsprechend hatten auch die Geistlichen in der St.-Marien-Gemeinde "Hochkonjunktur": Die Zahl von 625 getauften Kindern in der Marienkirche wurde in späteren Jahren nie wieder erreicht. Ähnlich verhielt es sich in der Marienschule: 1061 Kinder wurden 1913 in 22 Klassen unterrichtet (34). Diese Entwicklung nahm ein Jahr später ein abruptes Ende. Der Erste Weltkrieg wirkte sich aus, die Rohjute wurde infolge der Kriegseinwir-kun-gen knapp. Ersatzstoffe wie Flachs, Hanf und Papier wurden nun verar-beitet. Die Belegschaft nahm bis Kriegsende 1918 auf 800 Mitarbeiter ab.

Zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise hatte die Bremer Jute 1928 mit 1680 Mitarbeitern wieder Konjunktur. Als Folge der von Amerika ausgehenden Weltwirtschaftskrise mußte 1932 die Hanseatische Jute-Spinnerei und Weberei kurzarbeiten und wurde schließlich geschlossen. 1932 übernahm dann die Bremer Jute den Delmenhorster Betrieb und wurde nach der Wiederaufnahme der Produktion in Delmenhorst zum zweitgrößten Unternehmen in der deutschen Jute-Industrie (35). Im Jahre 1938 zählten die Werke in Bremen und Delmenhorst 2164 Beschäftigte.

Zu dieser Zeit hieß der Direktor schon seit sieben Jahren Carl Julius Brabant, Neffe des Firmenmitbegründers und Konsuls Julius Brabant. Der aus Neuenkirchen in Südoldenburg stammende Carl Julius hatte eine Lehre im Bankhaus Bernhd. Loose absolviert und trat am 18. Juni 1919 in den Auf-sichtsrat der Jute-Spinnerei ein. 1931 wurde er Vorstandsvorsitzender als Nachfolger Albert Haasemanns (36). In der Zeit des Nationalsozialismus konnte sich auch die Jute-Fabrik den neuen Machthabern nicht entziehen (37), die das Netz ihrer Gewaltherrschaft immer enger und feiner zogen. Direktor Brabant, der Katholik war, machte allerdings nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Nazis. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten polnische Zwangsarbeiterinnen in der Fabrik. Untergebracht waren sie im Kinderheim und im sogenannten "Österreich-Haus", Bogenstraße Nr. 2, einem Wohnhaus nahe der Ecke Heimatstraße, welches der Jute Bremen gehörte (38).

Der Bremer Westen war ab 1940 wegen der Häfen und der hafennahen Industrie häufig das Ziel der alliierten Bomberverbände. Die "Jute" wurde dabei mehrfach getroffen, konnte aber bis 1944 den Betrieb eingeschränkt aufrechterhalten. Während des Großangriffs in der Nacht vom 18. auf den 19. August, als der Bremer Westen im Feuersturm unterging, wurde auch die Jute-Spinnerei- und Weberei ebenso endgültig zerstört wie die Wohn-häuser mit den Werkswohnungen.

Der Wiederaufbau der Produktionsanlagen begann bereits 1946, obwohl die offizielle Freigabe dazu erst 1947 erteilt wurde. Das Kinderheim wurde nicht wiederaufgebaut. Werkswohnungen entstanden später in kleinerem Umfang an anderer Stelle (39). Das Areal der Jute-Spinnerei war allerdings auch von anderer Seite heiß begehrt. Die Stadtplanung sah für "den Bereich westlich der Nordstraße" vor, auf eine "Neubesiedlung" zu verzichten. Eine Ausnahme davon gab es dann neben der Textilfabrik für das "Heimatstraßenviertel", wo eine Anwohnerinitiative unter der Leitung des Steuerbeamten Paul Falck den Wiederaufbau durchsetzen konnte (40).

Zusätzlich zur Papierverarbeitung wurden 1947 Strohsäcke produziert, die an ein Bergwerk geliefert wurden. Das Bergwerk gab dafür die Kohle an ein Stahlwerk, und dieses Stahlwerk beteiligte sich mit seinen Produkten am Wiederaufbau des Bremer Jute-Werkes. Das nannte man Kompen-sationsgeschäft, und so etwas war nicht unnormal in der Nachkriegszeit. 1949 produzierte die "Jute" mit 1350 Mitarbeitern in Bremen und Delmenhorst. Einer, der die Materie von der Pike auf gelernt hatte, wurde 1951 stellvertretender Vorstand: Carl Julius Brabant jr., der Sohn des langjährigen und zu der Zeit noch amtierenden Vorstandsvorsitzenden Carl Julius Brabant. Bis zur Währungsreform fuhr er mit dem Fahrrad von Schwachhausen nach Walle in die Fabrik (41).

Neben einem Praktikum in Indien und Ost-Pakistan reiste Brabant auch nach Amerika und eignete sich dort Kenntnisse über die Produktion von Tufting-Teppichboden an, dessen Untergrund, das Jutebreitgewebe, dann nach 1955 bei der Jute-Spinnerei für volle Auftragsbücher sorgte. 1959 war die Auftragslage wieder schlecht, und das Bremer Werk am Europahafen wurde geschlossen, Produktion und Verwaltung nach Delmenhorst verlegt. Zum einen waren es die Ausbaupläne der Stadt Bremen für ihre Hafenanlagen, zum anderen trug aber wohl auch die weltweite Konjunkturlage in der Jute-Industrie zu dieser Entscheidung bei: Hohe Rohstoffpreise führten zu Absatzschwierigkeiten.

Die Personalsituation zu dieser Zeit erinnerte an die Anfangsjahre des Unternehmens: Wieder war es nicht möglich, deutsche Arbeitskräfte für die Tätigkeit in der Fabrik zu gewinnen. Die Folge war, daß Gastarbeiter aus der Türkei nach Delmenhorst geholt wurden. Sie arbeiteten in drei Schichten an sieben Tagen in der Woche. Die negative Konjunkturlage setzte sich fort und konnte auch durch die Herstellung neuer Produkte nicht aufgefangen werden. 1971/1972 kam es deshalb zu Produktionseinschränkungen und Entlassungen. Neue Produkte aus anderen Rohstoffen sowie die nicht mehr benötigten Verpackungen, die durch neue Transportverfahren, wie zum Beispiel den Containern ersetzt wurden, machten der Jute-Industrie schwer zu schaffen.

1973 beteiligte sich die Jute-Spinnerei an einem Projekt auf Mauritius und verlagerte Maschinen von Delmenhorst auf die Insel vor der Ostküste Afrikas. Im selben Jahr wurde in Delmenhorst der erste Teppichbodenmarkt eröffnet und damit der Grundstein für eine kontinuierlich wachsende Einzelhandelskette gelegt. Nach der Stillegung der Jutefabrik auf Mauritius im Jahre 1977 ging es 1980 wieder aufwärts: In Delmenhorst begann man mit der Fertigung von Textiltapeten, und nach elf dividendenlosen Jahren zahlte die Gesellschaft in diesem Jahr wieder Dividende für ihre Aktionäre. Der Umsatz der AG lag erstmals über 50 Millionen Mark und konnte bis 1987 – auch durch Firmenzukäufe bei der Handelskette – auf über 100 Millionen Mark erhöht werden. 1988 betrug der Personalstand 608 Mitarbeiter, davon 420 bei der Handelskette und 188 in der Produktion (42).

"Bei der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen AG zeichnet sich für das gesamte Geschäftsjahr 1989 wieder eine günstige Entwicklung ab, so daß die Gesellschaft an das sehr gute Vorjahresergebnis anknüpfen wird", hieß es 1989 im Wirtschaftsteil von Weser-Kurier und Bremer Nachrichten. Als neuer Großaktionär trat die Burg Calenberg Import-Warenhandelsgesellschaft mbH aus Bovenden-Harste in die Gesellschaft ein, die sich davon eine Ertragssteigerung durch den zusammengelegten Einkauf versprach (43). Diese Hoffnungen erfüllten sich allerdings langfristig nicht: 1994 mußte die Glasgewebeproduktion eingestellt werden, und zwei Jahre später kam das endgültige Aus für die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen: Zum Jahresende 1996 wurde die Produktion in Delmenhorst eingestellt und das Werk mit zuletzt noch hundert Mitarbeitern geschlossen (44).

Am 6. Januar 1997 endete die Notierung der Jute-Spinnerei und Weberei an der Bremer Wertpapierbörse. Zu Ende ging damit die über hundertjährige Geschichte einer Firma, die jahrzehntelang das Leben in Walle und Utbremen bestimmte und die wie keine zweite das Thema Zuwanderung nach Bremen beeinflußt hat. Heute erinnern in Walle noch drei Straßen, die nach Albert Haasemann und Carl Julius Brabant sowie nach Eduard Milse, dem langjährigen Technischen Leiter und Mitglied des Vorstands benannt wurden, an die Zeit der Jute-Spinnerei.

Quellennachweis

(1) Hermann Sandkühler: "Aus Böhmen kam nicht nur die Musik", in "100 Jahre St. Marien – Erlebte Geschichte einer Kirchengemeinde im Bremer Westen 1898-1998, S. 9, Hrsg.:St.-Marien-Gemeinde, 1998
(2) Herbert Schwarzwälder: "Geschichte der Freien Hansestadt Bremen", Bd. 2, S. 342; Hans Christians Verlag Hamburg, 1987
(3) Ebd.
(4) Peter Hedde/Paul Beck: Baugeschichtliche Entwicklung der bremischen Hafenanlagen, Jahrbuch der Hafenbautechnischen Gesellschaft, 9. Bd., S. 53, Hrsg.: Hafenbautechnische Gesellschaft, 1926, Archiv Bremer Tageszeitungen AG
(5) Wie Anm. 2, S. 344
(6) 100 Jahre Jute Bremen AG, S. 9; Hrsg.: Jute-Spinnerei und Weberei Bremen AG, Delmenhorst
(7) Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen, S. 7 u. 10; Hrsg.: Jute-Spinnerei und Weberei Bremen, Geschichtsarchiv der Kulturinitiative Brodelpott, Schleswiger Str. 4, 28219 Bremen
(8) J. Rösing in Brem. Biographie des 19. Jahrhunderts, S. 378 ff.; Hrsg.: Hist. Gesellschaft des Künstlervereins, Bremen 1912
(9) Ebd., S. 474 ff
(10) Wie Anm. 7, S. 8
(11) Bremische Biographie 1912-1962, S. 303, Hrsg.: Historische Gesellschaft zu Bremen und Staatsarchiv Bremen in Verbindung mit Fritz Peters und Karl H. Schwebel, bearbeitet von Wilhelm Lührs, Bremen 1969
(12) Ebd. S. 3 ff
(13) Hans Wätjen: "Weißes W im blauen Feld" – Die bremische Reederei und Überseehandlung D. H. Wätjen & Co. 1824-1901, Bremen 1983
(14) Jürgen Kessel und Karl-Julius Thamann: Julius Brabant (1825-1912) – Abenteurer, Geschäftsmann, Millionär, in "Bremisches Jahrbuch 1997"; Hrsg.: Staatsarchiv Bremen in Verbindung mit der Historischen Gesellschaft Bremen, Bremen 1997
(15) G. H. Claussen: Gemn. Br. Bauverein, seine Begründung usw., Bremen 1900
(16) Konrad Donat: "Die Entwicklung der Häfen in Bremen-Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg" in "Der Aufbau", 42. Jahrgang, Heft 1, Bremen, Juni 1988, S. 9 ff
(17) Karl-Heinz Hofmann: "100 Jahre Seehafenstadt Bremen", Stadtteil-umschau von Weser-Kurier und Bremer Nachrichten, 30. April 1992
(18) Wie Anm. 7, S. 11: ca. 2000 Personen arbeiteten 1896 an 624 Webstühlen und ungefähr 13 500 Spindeln
(19) Interview von Cecilie Eckler-von Gleich mit Herrn Hoiger und anderen im "Brodelpott" am 13. März 1996
(20) Wie Anm. 7, S. 28 bis 40
(21) Karl Marten Barfuß: ",Gastarbeiter' in Nordwestdeutschland 1884-1918", S. 39 ff; Hrsg.: Wilhelm Lührs, Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen, Bd. 52, 1986
(22) Hermann Sandkühler: "Aus Böhmen kam nicht nur die Musik"und "Als aus Agnieszka Agnes wurde" in "100 Jahre St. Marien – Erlebte Geschichte einer Kirchengemeinde im Bremer Westen 1898-1998, S. 13 f, S. 21 f, S. 26; Hrsg.: St.-Marien-Gemeinde, 1998
(23) Zu diesem Ergebnis in bezug auf das Herkunftsgebiet kommt auch eine in menschenverachtendem Nazi-Jargon mit rassistischem Unterton abgefaßte Untersuchung von Hans Duncker: "Polnische Einwanderung nach Bremen" in Der Schlüssel – Bremer Beiträge zur Deutschen Kultur und Wirtschaft, 8. Jahrgang, Heft 1, 1943, welche sich allerdings nur mit der polnischen Zuwanderung in das damals noch preußische Blumenthal befaßte. Auch die Arbeiterinnen und Arbeiter der dortigen Wollkämmerei kamen zum großen Teil aus dem Kreis Adelnau
(24) Bremer Bürgerzeitung (BBZ) Nr. 223 vom 4. Oktober 1901
(25) Wie Anm. 7, S. 45 ff
(26) Marlene Ellerkamp und Brigitte Jungmann: "Frauen in der ,Jute'sowie Elke Reining: "Arbeitsbedingungen und Arbeitskämpfe in der Bremer Jute" in "Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens, Heft 6; Hrsg.: Wiltrud Drechsel, Heide Gerstenberger, Christian Marzahn (Universität Bremen)
(27) Gespräche des Autors mit Wladyslaw Rozak und Jan Bak (1989 bis 2000) in Helenow (Polen), deren Vorfahren zu den in Polen sogenannten "Sachsengängern" gehörten, die nach Deutschland zur Saisonarbeit gingen
(28) Hermann Sandkühler: "Komm Matka – die Jute pfeift", Erinnerungen an eine Fabrik im Bremer Westen; Stadtteilumschau von Weser-Kurier und Bremer Nachrichten, u. a. am 11. 5. 1989
(29) Gespräch des Autors mit Pastor Richard Möller im April 1995
(30) Bernard Schnieders: "Die Geschichte der St. Marienschule", S. 26, Bremen 1949; und Georg Urban: "Die katholischen Arbeitervereine und die christlich-soziale Bewegung in Bremen von 1904 bis 1945", S. 40 bis 42; Hrsg.: Kettelerhaus GmbH, Köln, Bremen 1979
(31) Wie Anm. 22, S. 26. Der Ausdruck Klein Galizien wurde in vielen Gesprächen mit Zeitzeugen aus der St.-Marien-Gemeinde genannt, ebenso in Interviews während mehrerer VHS-Veranstaltungen im "Brodelpott" in der Zeit von 1988 bis 1996
(32) Mehrere im "Brodelpott" geführte Interviews von Cecilie Eckler-von Gleich in den Jahren von 1989 bis 1996 sowie Anm. 28 und "Die Brücke", Werkzeitung der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen, 10. Jahrg., Nr. 1, 1953, S. 9
(33) Gespräche des Autors mit Agnes König, geb. Mroczkowski, in den Jahren 1967 bis 1971; siehe dazu auch "Die Brücke", Werkzeitung, Hrsg.: Jute-Spinnerei und Weberei Bremen, 13. Jahrgang, Nr. 4, 1956, S. 33 unter Familien-Nachrichten
(34) Wie Anm. 22, S. 26
(35) Wie Anm. 6
(36) Interviews der Autoren mit Carl Julius Brabant jr., von 1951 bis 1976 im Vorstand der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen; Bremen 1999 und 2001
(37) Dies wird auch dokumentiert durch die Jubiläumsausgabe der Werkszeitung "Die Brücke" zum 50jährigen Bestehen der "Jute" im Jahre 1938: Aus dem Vorstandsvorsitzenden wurde der Betriebsführer, der sein Vorwort zu der Festschrift im Stil der Zeit abgefaßt hatte und mit "Heil Hitler" abschloß. Offenkundig ist aber auch auf der letzten Seite im Impressum die durch das Gaupresseamt der DAF (Deutsche Arbeitsfront) in Oldenburg vorgenommene Zensur, die als "Einvernehmen" umschrieben wird
(38) Wie Anm. 22, S. 56, "Die Leiden dieser Zeit" und Gespräch des Autors mit Wolfgang Frese, Heimatstraße, vom "Verein Waller Wied" am 15. Juni 1996
(39) "Die Brücke", Werkzeitung der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen, Nr. 5, Juli 1951 und Nr. 3, 1953: Am 29. Mai 1951 wurde die "Brabant" Baugesellschaft mit beschränkter Haftung in Bremen gegründet, Gesellschafter sind Generaldirektor C. J. Brabant und die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen, Gegenstand des Unternehmens ist [...] insbesondere die Erbauung von Werkswohnungen für Arbeiter und Angestellte der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen. Wohnblocks entstanden zwischen 1951 und 1954 an der neu angelegten Brabantstraße, die auch nach der "Brabant" Baugesellschaft benannt wurde, und zwischen Brabant- und Nordstraße, wo unter anderem neuartige Wohnungen für je zwei Junggesellinnen errichtet wurden
(40) Wie Anm. 16, S. 9 ff und Heinrich Flügel: "Die Entwicklung der Häfen in Bremen-Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg", S. 23 ff
(41) Wie Anm. 6 und Anm. 36
(42) Wie Anm. 6, S. 30 u. 31
(43) Hansjörg Heinrich: "Jute auch 1989 gut im Geschäft", Weser-Kurier und Bremer Nachrichten vom 26. 8. 1989, S. 5
(44) Weser-Kurier und Bremer Nachrichten vom 28. 6. 1996, S. 5; 20. 12. 1996, S. 5; 3. 1. 1997, S. 8